Sommerfrische?

24. August 2007 von sommerfrische

Den besten Hinweis, was das sei, liefert einmal mehr das Deutsche Wörterbuch von J. und W. Grimm. (Leipzig: S. Hirzel 1854-1960)

SOMMERFRISCHE, erholungsaufenthalt der städter auf dem lande zur sommerzeit, summerfrischen … auch ort dafür, so zuerst verzeichnet: sommerfrischen, eine wohnung auf dem lande, die man im sommer bezieht … ursprünglich wol tirolisch. summerfrisch, landlust der städter im sommer … das in diesem sinne schon aus dem 17. jahrh. bezeugt ist: wo die statt Bozen ire refrigeria oder frischen halten … für die bedeutungsentwicklung vermutet man italienischen einflusz. KLUGE … das dem mlat. refrigerium … entsprechende ital. refrigerio verzeichnet KRAMER ital.-deutsches wb. (1693): kühle labung im schatten; daneben bietet er refrigerazione, [termin. med.] kühlung, erkühlung, erfrischung. ebenda. KOHL (1849) sagt: ‚frescura‘ (die frische) nennen die leute hier (am Gardasee) sowohl die zeitperiode, während deren sie auf dem lande leben als auch den landsitz selbst (vgl. frescura, frescata, kühle luft, die kühle. KRAMER … es ist, als wenn in diesem warmen lande frische und kühlung der einzige zweck des landlebens wäre … aus diesem italienischen fresco und frescura haben die deutschen Tiroler von Meran und Botzen ihre ’sommerfrischen‘ (sommerwohnungen) hergenommen.

Einhundertfünfzig Jahre später hat sich die Bedeutung doch merklich verschoben, da heißt es dann bei Mrozek, Lexikon der bedrohten Wörter. (Rowohlt Verlag 2005)

… das schöne Wort soll um 1510 entstanden sein, wurde dann jedoch vergessen und um 1900 von Aristokratie und Bürgertum wieder reanimiert. Man denkt dabei an Sonnenschirme und Picknickkörbe, an tänzelnde Zelter vor zierlichen Kutschen und Blumenkränze im Haar. Mit Entstehen des modernen Massentourismus ist das wohlklingende Wort dem schnöden Begriff Urlaub geopfert worden, ein Wort, das den Gedanken an Sonnenöl, Sangriaeimer und Animation weckt. Wer wegfahren will, ist auf keine bestimmte Jahreszeit mehr angewiesen, irgendwo auf der Welt ist schließlich immer Sommer. Und mit Frische hat das auch nichts mehr zu tun …

Ähnlich schreibt die Süddeutsche Zeitung in ihrem Aktuellen Lexikon (vom 28.7.2007):

… ein Animateur, der zu ohrenbetäubendem Popgedröhne die Morgengymnastik durchexerziert, wäre in der Sommerfrische so undenkbar wie heute ein einsamer Strand an der Costa Brava …

Immerhin, das Wort ist nicht wirklich bedroht. Es hat selbst in modernen italienischen Ohren durchaus die alten Assoziationen und Nebentöne behalten.

Kategorie: keine Kommentieren »

Schreibe einen Kommentar