Essen in Ligurien, oder: zehn Gänge zum Glück

25. März 2010 von FM

Wer die kurvenreiche Fahrt in die Hügel oberhalb von Imperia auf sich
nimmt, kann Glück haben und in Pietrabruna landen. Ein von der Zeit
nahezu unberührtes, intaktes mittelalterliches Dörfchen, eingebettet
in Olivenhaine, meist still und menschenleer. Nur ein paar Katzenaugen
beobachten unseren Weg durch enge, verwinkelte Gässchen zum einzigen
Restaurant des Ortes.
Hier muss man am Vortag einen Tisch vorbestellen. Warum? Weil der Wirt
des “Au Torciu” – nennen wir ihn Maurizio – seinen Gästen persönlich
die Haustür aufsperrt und sie in ein Speisezimmer führt, in dem nur
zwei Tische stehen, davon nur einer mit vier Plätzen gedeckt. Wir sind
die einzigen Besucher und wissen außer dem Namen des Restaurants
bisher wenig – Speisekarte gibt es keine, auch die Anzahl der Gänge
bleibt offen.
Der erste Gang wird serviert – natürlich von unserem Gastgeber
persönlich – und das Staunen beginnt. Wir essen uns durch zehn Gänge,
durch Maurizios Garten und die umliegenden Hänge, alles typische
ligurische Spezialitäten, die uns vor jedem neuen Gericht stets
ausführlich erklärt werden. Es gibt Feigen, Birnen, selbstgemachte
ravioli mit Walnusspesto, Kaninchen, Wildschwein, Radicchio, Käse,
Süßes. Dazu Hausweine, später natürlich caffè und verschiedene grappe.
Gekocht wird das alles von Maurizios Frau, und der Wirt selbst nimmt
still auf einem Stuhl hinter der Wohnzimmertür Platz und horcht, wann
das Geschirrgeklapper seiner Gäste abklingt und er den nächsten Gang
bringen kann.  Auch als das letzte Geheimnis des Abends – der Preis
des Gelages – gelüftet wird, können wir nur staunen, im positiven
Sinne: man merkt einmal mehr, dass hier Kochen und Bewirten aus Liebe
an der Sache und Freude an den eigenen Produkten, nicht aus
wirtschaftlichem Kalkül, betrieben werden. Das “Au Torciu”, so wünscht
man sich, sollte Geheimtipp bleiben.
Zu tun sollten sie allerdings auch haben.

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